Kurt Neumann, der Erste

MSV - Schalke 0:1, Datum unbekannt. Rechts Kurt Neumann.

Immer wieder werde ich gefragt, wieso ich eigentlich Fan des MSV Duisburg geworden bin. Und – ganz ehrlich – ich hätte mir wahrscheinlich Einiges erspart, wenn ich mich konsequent vom Fußballsport und vor allem dem Wedaustadion ferngehalten hätte. Aber so einfach isset ja nicht.

Die Wahrheit ist: Ich bin nicht MSV-Fan geworden, weil ich es wollte. Ich wurde MSV-Fan, weil der MSV in meiner Familie schon zu Hause war, als es mich noch gar nicht gab. Schuld an allem ist mein Großonkel, Bruder meines Großvaters mütterlicherseits. Kurt Neumann: MSV-Stammspieler von 1946 bis in die 60er Jahre, Kapitän, Mittelläufer. Dies ist seine Geschichte.

Vor kurzem ist „Onkel Kurt“ oder „Kurti“, wie ihn in meiner Familie alle nennen, 88 Jahre alt geworden. Den Haushalt bestreitet er immer noch allein. Und wer ihn besucht, bekommt selbst gebackenes Spritzgebäck serviert, das an die Weihnachtszeit erinnert, die man als Kind erlebte. Mit Schokoguss  und Zuckerperlen. „Ich hab ja nie kochen können“, sagt „Kurti“, „aber Plätzchen, die konnte ich.“

Im Tor wollte er nicht stehen

Fußball spielen, das konnte er auch. 1923 geboren, entdeckte er mit elf Jahren den Fußball für sich, pöhlte erst im Werksportverein Hüttenbetrieb, ging dann zum MSV, der damals noch Meidericher Spielverein hieß. Kurt stand zunächst im Tor, aber das machte ihn nicht glücklich. „Ich habe da immer nur gefroren. Wir waren einfach zu gut, und ich hatte auf der Position gar nix zu tun“, erinnert er sich. „Da habe ich meinem Trainer gesagt, dass ich Feldspieler sein möchte. Doch er hat mich partout nicht gelassen.“ Deswegen kehrte Kurt dem MSV den Rücken: 1940 wechselte er zu Meiderich 06/95, wo er als A-Jugend-Spieler gleich in der ersten Mannschaft auflaufen dufte.

Dann kam der Krieg. Mittenrein ins Leben. Kurt wurde eingezogen, geriet in Gefangenschaft, kam erst 1945 nach Hause und auf den Fußballplatz zurück. „Ich war kaum einen Tag wieder da, da stand Meiderich 06 schon auf der Matte und wollte mich zurückhaben.“ Also kickte Kurt wieder für 06/95, doch nur kurze Zeit später warb der MSV ihn ab. Das passte nicht jedem: „Als feststand, dass ich zum MSV gehen würde, bin ich mit Ziegelsteinen beworfen worden“, erinnert sich Kurt.

"Karnevalsorden für Neumann I" steht hinten auf diesem Foto - und: "Zweispaltig für 25.2.57".

Das erste Match für die Zebras ist ihm noch gut in Erinnerung (wenn auch nicht in guter Erinnerung): „Wir mussten in der Vorrunde um die Niederrhein-Meisterschaft in Oberhausen ran, gegen RWO. Da kommen wir da also an, als haushoher Favorit mit so Top-Stürmern wie Bubi Trapphoff und Burger Hetzel. Und dann bekommen wir da ne dicke 1:5-Klatsche“, erzählt Kurt, der damals 22 Jahre alt war und dessen Leben nicht nur aus Fußball bestand: Bei der Deutschen Bundesbahn war er beschäftigt, musste im Schichtdienst Güterwaggons kontrollieren. „Wir haben ja nebenher alle einen Beruf gehabt“, sagt Kurt. „Wenn ich Außendienst hatte, dann bin ich manchmal Sonntagmorgens um sechs zurückgekommen und musste um zehn beim Treffpunkt sein, weil wir mit der Mannschaft nach Schalke gefahren sind.“ Eine Doppelbelastung, die die Profis damals gerne in Kauf nahmen. Schließlich konnten sie so das Gehalt für sich und ihre Familien aufbessern. Im Durchschnitt hatte ein Arbeitnehmer im Jahre 1950 in der Bundesrepublik 213 Mark in der Lohntüte. Kicker wie Kurt konnten sich nochmal höchstens 320 Mark pro Monat hinzuverdienen – inklusive Prämien. „ 100 Mark gab es für einen Auswärtssieg, 80 Mark für einen Heimsieg, 40 für ein Unentschieden vor eigenem Publikum“, zählt der 88-Jährige auf.

„Schuldig geblieben sind die uns nie etwas“

Der MSV sei natürlich immer ein armer Verein gewesen. „Am ersten des Monats hat mich der Vorstand oft nach oben geholt. Sie könnten uns nur die Hälfte auszahlen, erst beim nächsten Heimspiel sei wieder Geld da“, erzählt Kurt. „Aber schuldig geblieben sind die uns nie etwas.“

1.200 Spiele hat er für den MSV gemacht, ein Rekord, „das schafft heute keiner mehr“. 15 Jahre lang war er Spielführer, auch 1951, als der MSV aus der zweiten Liga aufstieg. „Als zurückhängender Mittelläufer (Stopper) stand Kurt Neumann dann oft im Blickpunkt, wenn Schalke, Dortmund, RW Essen, der 1. FC Köln oder Münster mit ihren Torjägern in Meiderich aufkreuzten“, schrieb die WAZ am 10. November 1983, einen Tag vor Kurts 60. Geburtstag. „Die Läuferkette [„Ömmes“] Schmidt, Neumann I und [Gerd] Schönknecht war lange Zeit das Paradestück des MSV.“ Wobei mit „Neumann I“ natürlich Kurt gemeint ist, das „Läuferherz“, wie die NRZ am 11. November 2003 titelte. „Neumann II“ war ein anderer, ein Erich, heute weitgehend unbekannt.

Ein Zeitungsartikel über Kurt Neumann aus dem Jahre 1983.

Nicht so Kurt Neumann, der Erste. Der ist inzwischen fast 90 Jahre alt. Aber er lächelt immer noch, wenn er an die alten Zeiten denkt. „Das war schön damals, wir waren ja alle echte Duisburger Jungs. Nicht so wie heute. Damals kamen 95 Prozent der Spieler aus Meiderich, Hamborn oder Duisburg. Und wir saßen oft zusammen nach den Spielen oder haben getanzt, da waren natürlich auch die Frauen dabei. So was gibt es ja gar nicht mehr.“

Kurts Frau Hannelore ist verstorben, kurz nach der Diamantenen Hochzeit. Sie hat ihm immer den Rücken frei gehalten. Geblieben sind die Erinnerungen. An das Familienleben mit Hannelore und Brigitte, der gemeinsamen Tochter. Und an das Leben auf dem Fußballplatz, der geteilten Leidenschaft. „Ich habe immer gerne für den MSV gespielt, bis zum Schluss“, sagt Kurt.

Das Spiel, an das er sich am liebsten erinnert, hat er allerdings nicht im Zebra-Dress absolviert. „Damals stand ich in der Niederrhein-Auswahl, und wir mussten gegen Rheinland-Pfalz ran.“ Die Pfälzer hatten zu der Zeit viele Nationalspieler in ihren Reihen: Fritz Walter, der Kurts Gegenspieler war, Kohlmeyer, Eckel, Liebrich. Kein Wunder, dass die Zeitung schrieb, die Niederrheiner müssten aufpassen, „die Niederlage in Grenzen zu halten“. „Und dann haben wir die mit 5:1 besiegt“, freut sich Kurt und lacht. Er sitzt in einem fast antiken Ohrensessel, vor ihm auf dem Tisch liegen verblichene Fotos. Kurt im Zebrastreifen-Trikot und kurzen Hosen, mit den MSV-„Oldies“ Günther Preuß und „Pitter“ Danzberg, im Duell mit einem Spieler des Wuppertaler SV.

Ältester Vertragsspieler Deutschlands

Bis 1963 lief Kurt regelmäßig für den MSV auf, da war er 40 Jahre alt, der älteste Vertragsspieler Deutschlands. Noch ein Rekord. Kurt hätte auch als Fußball-Senior noch weitergemacht und den MSV in seinem ersten Jahr in der neu gegründeten Bundesliga unterstützt. „Ich war immer noch in einer Bombenform“, erinnert er sich. „Und der Trainer hätte mich auch noch spielen lassen. Aber ich habe keinen Vertrag mehr bekommen.“

Und danach? Danach durfte Kurt 18 Monate nicht spielen. „18 Monate war ich gesperrt!“ ruft er und ist immer noch ein bisschen sauer auf den DFB. „Das war eine Statute damals, nannte sich Reamateurisierung. Anderthalb Jahre musste ich pausieren. Hat mir zu lange gedauert.“ Und so machte Kurt lieber den Trainerschein und coachte Teams wie Meiderich 06/95 oder Wacker Dinslaken.

„Wenn die verlieren, trifft mich fast der Schlag“

Mit 50 war dann endgültig Schluss mit Fußball. Zumindest als Aktiver. Die Geschehnisse rund um den MSV, seinen Lieblingsverein, verfolgt er aber immer noch. „Klar, der Verein liegt mir am Herzen“, sagt Kurt. Beim Pokalspiel 1998 war er live in Berlin mit dabei, lange Jahre hatte er eine Ehrenkarte. Und noch immer sorgt er sich um die Zebras. „Wenn die verlieren, trifft mich jedes Mal fast der Schlag“, sagt der 88-Jährige, alter Fußballrecke, MSV-Stammspieler, Kapitän, Mittelläufer. Dies war seine Geschichte.

 

 

Ein Gedanke zu “Kurt Neumann, der Erste

  1. ***SCHNIEF***

    Diese Geschichte sollte jeder aktuelle MSV-Spieler und insbesondere die Herren aus Vorstand und Aufsichtsrat mal lesen.