Der Tag war so was von Retro

Erinnerungen an alte Zeiten, Flic-Flac, Wolters’ Befreiungskreisel und ein bisschen Ärger: Gastautor Harald Steffen, MSV-Fan und Buch-Autor (“Einmal Zebra, immer Zebra”, “Nachspielzeit” und “Drei Ecken, ein Elfer”), schreibt über das Abschiedsspiel für unseren Ivo.

Melancholie an der Wedau. Das Wetter ist dem Event angemessen. Die Sonne strahlt und der Himmel ist so blau wie Ivos Augen. Während wir unsere Plätze einnehmen, liest Michael Wildberg seine Hommage auf Ivo Grlic vor. Es folgt eine visuelle Zeitreise mit einigen seiner schönsten Tore für die Zebras. An (fast) alle kann ich mich erinnern. Den Abend, als wir das 3:1 Fürth sahen, habe ich noch vor Augen. Dass er im gleichen Spiel einen Strafstoß zum möglichen 4:1 verschossen hat, muss heute nicht wirklich erwähnt werden. Nach der Rückkehr in die Gegenwart brandet auch schon der nächste Applaussturm los, als Stefan Maierhofer zum Interview mit Stefan Leiwen bereit steht. Sprechchöre heißen unseren besten Ösi seit Kurt Jara willkommen und er bestätigt erneut, dass es trotz seiner Verletzung und des deshalb verpassten Pokalfinales ein sensationelles Jahr beim MSV war. „Warum bleibst Du dann nicht einfach hier“, möchte Leiwen wissen. Bevor Maierhofer antworten kann, wird er durch tosenden Applaus unterbrochen. „Ich bin vertraglich gebunden“, so seine Erklärung. Dann klingelt mein Handy und ich kann dem weiteren Verlauf des Gesprächs kurzfristig nicht folgen. Ich vernehme danach noch folgenden Satz vom Stefan: „Der Sportdirektor ist mir jetzt wesentlich sympathischer.“ Aha, denke ich mir. Da war dann wohl doch was zwischen ihm und Herrn Hübner. Die geplatzte Bombe? Sein Wissen um den bevorstehenden Abgang des Managers? Wer weiß. „Sag niemals nie“ schürt in uns die Hoffnung, dass er zumindest einen Gedanken daran verschwendet, das Trikot der Zebras mal wieder überzustreifen. Vielleicht dient die Aussage aber auch nur dazu, jetzt und hier der Nummer zu entkommen.

 

Und gerade habe ich diese erste sentimentale Hürde genommen, da folgt schon die nächste. Julian Koch erscheint auf der Videoleinwand. Und erneut hallen Chöre durch die Arena. „Julian, Du bist ein Duisburger.“ Auf die Frage nach seinem Wohlbefinden erzählt er, dass er bald wieder ins Lauftraining einsteigen könne. Wann allerdings sein Comeback steigen und ob das vielleicht in den Vereinsfarben des MSV Duisburg sein wird, beantwortet er mit dezenter Unwissenheit. Wir alle würden es uns wünschen. Nur daran glauben mag ich persönlich nicht.

Fehlt eigentlich nur noch die alte Anzeigetafel

Dann geht es Schlag auf Schlag weiter und die Prominenz gibt sich das Mikro in die Hand. Abwechselnd stehen ehemalige Zebras und Ivos Friends bei Stefan Leiwen und Bülent Aksen, der den Job des Stadionsprechers vor Jahren auch mal inne hatte. Melancholie auf allen Ebenen. Fehlt eigentlich nur noch die alte Anzeigetafel, die hinter der RWE-Tribüne dahinvegetiert. Interessant dann die Aussage vom aktuellen Coach der Düsseldorfer Fortuna Nobert Meier, der sich eher an die schöne Zeit und die berühme Frankfurter Nacht mit den Zebras erinnert, als an sein unsägliches Treffen mit Albert Streit ein halbes Jahr später.

Das Spiel selbst rückt näher, verschiebt sich aber dann doch um eine halbe Stunde nach hinten. Der Grund: Es folgen noch diverse Auszeichnungen und sämtliche Spieler laufen anschließend einzeln ein. Zuerst natürlich die Legende des MSV schlechthin und der bisher einzige Spieler, der beim MSV überhaupt ein Abschiedsspiel bekommen hat: Bernhard Dietz. Da überkommt mich schon die erste Welle der Sentimentalität. Zum ersten Mal erklang sein Name in meinen Ohren im Rahmen der Mannschaftsaufstellung an besagtem 07. September 1979, als ich mein erstes Heinspiel gegen den Hamburger SV erlebte und wir mit 3:0 gewannen.

Die Liste der Leidenschaft

Aber auch viele andere Namen wecken Erinnerung: Ganz oben auf der Liste der Leidenschaft natürlich Bachirou Salou, Joachim Hopp, Abdelaziz Ahanfouf, „Erle“ Wolters oder aber auch Markus Kurth. Gesichtet werden aber auch Spieler, die heute nicht auf dem Platz stehen. So ist Alfred Nijhuis ebenso anwesend wie Herbert „Bobbel“ Büssers. Der Tag ist so was von Retro. Aber so richtig wütend wehmütig werde ich dann, als ich folgende Namen in den Aufstellungen beider Teams lese: Ivica Banovic, Klemen Lavric, Filip Trojan, Manasseh Ishiaku, Olivier Veigneau, Alexander Bugera, Olcay Sahan, Tom Starke, Christian Tiffert und Sandro Wagner. Dazu noch der verletzte Julian Koch und der für heute von seinem Verein mit einem Spielverbot versehene Stefan Maierhofer. Das ist eine komplette Mannschaft mit noch aktiven Spielern, die bereits das Trikot des MSV Duisburg getragen haben. Wie ein solches Team in dieser Besetzung in der zweiten Liga abschneiden würde, werden wir leider nie erfahren.

Ungewohnt ist es aber auch, Spieler im (Auswärts)Trikot des MSV Duisburg zu sehen, die es eigentlich nie getragen haben. Olaf Thon zum Beispiel oder Ulf Kirsten und Ivan Klasnic. Letzteren würde uns sicher auch gut zu Gesichte stehen. Aber wer wechselt vom englischen Erstligisten Bolton Wanderers schon zum Zweitligisten nach Duisburg. Selbst unser Sandro Wagner wird mit Hansa Rostock in Verbindung gebracht. Da könnte ich heulen. Insgeheim habe ich die Hoffnung, dass es trotz allen Geldes dieser Welt immer noch so was wie Ehre gibt und es der Ivo in seiner neuen Funktion als Sportdirektor schafft, Klaus Allofs als seinem gegenüber in Bremen von der Notwendigkeit einer Ausleihe an uns zu überzeugen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Hansa tatsächlich mehr Geld zur Verfügung stehen soll als uns.

Einige Dinge ändern sich nie

Dann rollt dann doch der Ball. Ich verzichte jetzt auf eine explizite Spielberichterstattung. Die interessiert auch niemanden. Es macht einfach nur Spaß, den Rentnern, Teilzeitkickern und noch immer Aktiven zuzuschauen. Und einige Dinge ändern sich einfach nie. „Ihr braucht nicht mitlaufen“, ruft Björn, als Ahanfouf in Richtung Tor spurtet. „Der spielt eh nicht ab.“ Recht hat er. Auch, als man ihm den Ball gewaltsam entreißen muss, damit Tom Starke einen Strafstoß ausführen kann. Als Aziz in der zweiten Halbzeit dann doch einen treten darf, setzt er den Ball neben das Tor. Dazu gesellen sich diverse Schmankerl. Ishiaku kann seinen Flic-Flac immer noch und Salou wird vom Stadionsprecher aufgefordert, das Spielfeld dann doch bitte mal zu verlassen, um Sahan seinen Einsatz zu ermöglichen.

Bei Tiffert erinnert man sich gerne daran, dass man auch mit einem Schuss gegen die Latte ein Tor erzielen kann und Ivo bekommt seine Halbzeitbestellung in Form von Bratwurst und Bier auf den Platz gebracht. Sandro Wagner ist anzusehen, dass er mächtig Lust hat, auf dem Platz zu stehen und spielen zu dürfen. Bitte bald wieder bei uns. Joachim Hopp deutet hier und da mal an, was ihn ausgezeichnet hat: Die Grätsche. Aber heute sicher nicht ganz ernst gemeint. Und auch Wolters berühmter Befreiungskreisel wird zum Besten gegeben. Grlic erzielt in der zweiten Hälfe den zwischenzeitlichen Treffer zum 6:5 für die All Stars. „Fünf Treffer auswärts müssen eigentlich zum Sieg reichen.“

So endet ein fast schon besinnlicher Nachmittag damit, dass Ivo vermutlich zum letzten Mal auf den Zaun gerufen wird. „Ivo, Du bist ein Duisburger“, hallt es aus der Fankurve. Seine Antwort entsprechend: „Wisst Ihr was? So fühle ich mich auch.“ Gleichzeitig erinnert er aber auch an die aktuelle Situation, die weder sportlich noch intern alles andere als gut ist. Und daran, dass wir alle an einem Strang ziehen müssen. Insbesondere die Querelen rund um den Vorstand und die Weinerlichkeiten aufgrund verletzter Eitelkeiten lassen nicht nur mich mit dem Kopf schütteln. Und ich dachte, die Zeiten wären endgültig Geschichte. Ich hoffe inständig, dass sich alle Beteiligten so schnell wie möglich wieder bewusst werden, worum es eigentlich geht: um den MSV Duisburg. Um den Verein, für den Ivo und viele der anderen heute Anwesenden viele Jahre lang das Trikot getragen haben. Vielleicht ist es symptomatisch, dass ausgerechnet das Maskottchen den letzten Treffer des Spiels erzielt hat. Selbst wenn es ihm dabei beide Schuhe ausgezogen hat.

Über Harald Steffen

Harald “Harry” Steffen wurde 1968 in Duisburg geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Harry ist kaufmännischer Angestellter, spielt in einer Band und fotografiert gerne – und er sitzt im Stadion seit vielen Jahren neben mir. Seine regelmäßigen Besuche im Stadion verarbeitet er in seinen drei Büchern “Einmal Zebra, immer Zebra”, “Nachspielzeit” und “Drei Ecken, ein Elfer”. Das vierte ist zurzeit in der Mache. Infos: http://harald-steffen.eu/

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