Andreas Wiemers: Mit Aggressionen erreicht man nichts

Das waren schon harte Worte, die sich Andreas Wiemers, Blogger-Kollege, VfL Bochum-Fan und Mitglied der Initiative „Wir sind VfL“, bei der Aufzeichnung der Sendung halbzeit von Moderator Uli Potofski anhören musste. Die Bochumer Fans, so Potofski, hätten sich mehrfach „grenzwertig“ gegenüber den eigenen Spielern verhalten. Sogar die „Androhung von Gewalt“ habe er im Stadion erleben müssen. Mich hat das nachdenklich gemacht, zumal sich ja auch nicht alle unsere Anhänger am Sonntag in Bochum gut benommen haben, und ich habe Andreas gebeten, mir für ein kleines Interview zum Thema Aggression im Stadion zur Verfügung zu stehen.

Andreas, Du bist Mitglied in der Initiative „Wir sind VfL“, die es sich zum Ziel gemacht hat, die bestehenden Vereinsstrukturen und die sportliche Zukunft des VfL Bochum nicht nur kritisch zu hinterfragen, sondern konstruktiv und offensiv mitzugestalten. Erzähl mal – wie kam es dazu, dass Ihr die Initiative gegründet habt?

Nach dem völlig unnötigen Abstieg gegen Hannover 96 haben Benjamin Mikfeld, Sebastian Enste, Ralf Koyro [ebenfalls VfL-Fans, Anmerkung von mir] und ich beschlossen, dass es so einfach nicht mehr weitergehen kann und darf. Der VfL trat nicht nur sportlich erneut in die Zweitklassigkeit, er stagnierte auch was seine Gesamtentwicklung betrifft. Anstatt seinen eigenen Weg zu gehen, hatte man sich damit abgefunden, gegen die vermeintlich Großen links und rechts des Ruhrstadions die beleidigte Leberwurst zu spielen. Es fehlte die Perspektive, die andere Vereine wie Freiburg, Mainz, die mal mit uns auf Augenhöhe waren, für sich entwickelt hatten. Um den Verein zu verändern und einen anderen Weg anzustoßen, haben wir ein Manifest für einen Neuanfang verfasst, dafür um Unterstützung geworben und versucht, die darin genannten Ziele umzusetzen. Dabei haben wir von Beginn an dialogorientiert und offen agiert. Sowohl gegenüber dem Verein als auch in unserm Verhalten zu anderen Fans bzw. Fanclubs.

Ihr wolltet auch ein Zeichen gegen die zunehmenden Aggressionen setzen, die es damals im Fan-Block gab?

Wir haben uns bei unserem Vorgehen bewusst für einen konstruktiv-kritischen Weg entschieden, weil man nichts erreicht, wenn man nur X muss raus, Y muss weg brüllt. Wir wollten und wollen mitgestalten. Mit Aggressivität wäre dies nicht möglich gewesen. Das war so zu sagen unser Kanal, die maßlose Enttäuschung über den Abstieg und die Entwicklung des Vereins zu verarbeiten.

Aber Emotionen gehören doch auch für Euch zum Fußball dazu.

Ja, und Gott sei Dank ist Fußball trotz aller Vermarktungsinteressen und Weichspülaktionen von DFL und DFB noch ein emotionaler Sport. Zweifellos regiert Geld den Fußball, sobald er professionell sein will. Professioneller Fußball heißt aber nicht seelenloser Fußball. Das gilt auf dem Rasen und auch in der Kurve.

Vor allem wenn es mal wieder so richtig enttäuschend läuft, könnte man manchmal einfach nur kotzen. Wie zum Beispiel gerade beim MSV.

Klar, Frustration und Enttäuschung suchen sich einen Kanal. Emotionen sind halt nicht immer nur positiv. Dies gilt umso mehr, wenn man hilflos in der Kurve steht und zusehen muss, wie die eigene Mannschaft – mal wieder – versagt. Das rechtfertigt aber keine Sachbeschädigung oder Gewalt.

Wie weit dürfen Emotionen im Stadion denn gehen?

Gute Frage. Klar ist eigentlich nur, wie weit man nicht gehen kann. Als Fan betrachtet man ein Stadion auch als Wohnzimmer. Entsprechend sollte man sich auch verhalten. Denn ansonsten schadet man nur sich selbst, der Kurve und dem eigenen Verein.

Inwiefern?

In Bochum leiden wir bzw. kämpfen wir immer noch gegen ein Image an, das Medien und leider auch durch Vereinsvertreter nach Einzelaktionen gezeichnet haben.

Was waren das in Eurem Fall für Einzelaktionen?

Unrühmlicher Höhepunkt war sicherlich der Vorfall in Bielefeld, wo ein Ordner schwer verletzt wurde. Darüber hinaus gab es aber auch Plakate, die Gewalt androhten. Ferner wird über uns ja auch gerne behauptet, wir seien zu kritisch und hätten eine zu hohe Erwartungshaltung. Das ist Quatsch. Wir wollen lediglich eine Mannschaft, die leidenschaftlich für unsere Farben kämpft. Dann verzeiht man auch Niederlagen. Aber leider wird über Fans immer nur pauschal geurteilt bzw. werden sie pauschal verurteilt, während sie gleichzeitig immer wieder aufgerufen werden, Kritik differenziert vorzubringen. Da kratzt man sich verzweifelt am Kopf und kriegt zu viel, wenn man in den Medien dann noch liest, wie Polizei, Politik und Medien Fans über einen Kamm scheren, Probleme, die beim Fußball eindeutig existieren, einseitig einer Fangruppierung zu schustern. Das zeigt, dass Ursachen nicht verstanden wurden und man die Augen bei der Ursachenforschung verschließt. Auch hier muss erst mal ein Umdenken stattfinden.

Nochmal zurück nach Duisburg: Müssen die „normalen“ Duisburger Fans handeln, wenn sie erleben, wie Einzelne pöbeln und Kanonenschläge zünden? Und: Können die „Normalos“ überhaupt etwas erreichen?

In Bochum haben wir beim letzten Spiel, dem Sieg gegen den MSV, einen anderen Schritt gemacht. Obwohl der VfL miserablen Fußball mit ungenügenden Ergebnissen gespielt hat und sich somit die schlechteste sportliche Bilanz in 40 Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit erarbeitet hat, haben die Fans dazu aufgerufen, die Mannschaft bedingungslos zu unterstützen. Und wie man am Ergebnis sieht und bei der Stimmung gehört hat, war das nicht unerfolgreich. Zur konkreten Situation in Duisburg sag ich mal nichts. Ich würde es mir ja auch verbitten, wenn jemand uns erzählen will, wie wir uns zu verhalten haben. Dass Kurven aber Fehlveralten anderer auch wahrnehmbar unterbinden können, haben einige ja schon erfolgreich vorgemacht.

 

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