Warum Fußball nicht mehr so viel Spaß macht wie früher

Ich habe gerade die aktuelle 11Freunde gelesen – vor allem den sehr interessanten Artikel “Ruhe bitte! Wie Ultras die Stimmung in den deutschen Fankurven kaputt machen.Ich möchte diesen Text von Philipp Köster wirklich jedem ans Herz legen, der sich in den letzten Jahren gefragt hat, warum Fußball-Gucken nicht mehr so viel Spaß macht wie früher. Denn Köster liefert eine sehr plausible Erklärung für den “einfallslosen Dauersupport”: Es sind die Ultras, die uns den Spaß am Fan-Sein nehmen!

Angetreten, um die bedrohte Fan-Kultur in deutschen Stadien zu retten, haben sie “vielerorts aus den Kurven gut gerdrillte Männerchöre gemacht”. Von der Wildheit, der Spontaneität, die die Fanblöcke über Jahrzehnte hinweg auszeichnete, so Köster weiter, sei im Herbst 2008 nicht viel übrig geblieben.

Traurig. Und wahr. Denn früher war zwar nicht alles besser. Aber früher hat einer angefangen irgend etwas Lustiges zu rufen, und plötzlich stimmte die ganze Kurve ein. Früher haben wir Old School-Lieder gesungen, die jeder mitsingen konnte. Früher durften wir eine Mannschaft, die lustlos über den Platz trabte und 0:2 hinten lag, gandenlos auspfeifen – und zwar ohne dass wir uns hinterher anhören durften, dass man als “richtiger Fan” sein Team aber bitteschön immer anzufeuern habe. Früher haben wir lautstark “MSV, MSV” gebrüllt, wenn es die Mannschaft am nötigsten hatte. Einer fing an, und alle stimmten ein.

Heute gibt es Capos, die bestimmen, was gesungen wird und wann. Und manchmal intoniert der Stehblock auf Befehl der Capos etwas ganz Anderes als die Tribüne, die sich immer wieder mal auflehnt gegen die Macht der Auf-dem-Zaun-Steher und ihr eigenes Ding fährt singt.

Dann – ich habe das von meinem Platz aus gut im Blick – schauen die Capos ganz verwundert, und wenn man Glück hat, stimmen sie in den Gesang der Tribüne mit ein. Dann schallt es plötzlich aus zehntausend Kehlen. Wie früher. Gänsehaut. Yeah.

Wenn man aber Pech hat, bleiben die Capos (und ihre Anhänger) bei “Liedern”, die stumpf 45 Minuten lang durchgesungen werden und klingen wie “Oah, oah, oaaaaaaaaaaaaahhh!”. Das dann am Stück. Und das macht keinen Spaß. Zumindest mir nicht.

Natürlich – es gibt wie immer auch eine andere Seite. Dass sich nämlich vor allem die Ultras gegen den Ausverkauf des Vereins wehren, dass sie für den Erhalt alter Traditionen kämpfen und nicht mitansehen wollen, wie Fußball Plastik wird. Es sind (vor allem auch) die Ultras, die gegen rosa Fanartikel auf die Straße gehen, die sich für Stehplätze engagieren. Sie sind, so Philipp Köster, “die Gralshüter von Tradition, Ruhm und Identität des Klubs”. Sie passen auf, dass wir nicht plötzlich statt eines Zebras ein Frettchen im Vereinswappen haben (weil irgendwelche Designer das schicker finden). Und dafür muss man ihnen in gewissem Maße dankbar sein. Denn auch ich möchte Fan bleiben und nicht Klatsch-Vieh sein, das auf der Tribüne sitzt, Popcorn isst und mit weiß-blauen Gratis-Rasseln von den Stadtwerken klappert.

Aber, nochmal Zitat Köster: “Mehr und mehr haben sich viele Ultras in den letzten Jahren davon verabschiedet, in der Fanszene nach gemeinsamen Positionen aller Gruppen zu suchen.”

Ein in meinen Augen unheimlich wichtiger Punkt! Denn wer gegen Dauerbeschallung ist oder sich kritisch über Capos und Gefolgschaft äußert, ist in den Augen der Ultras “eben kein richtiger Fußball-Fan”. Ein Vorwurf, der übrigens mit schöner Regelmäßigkeit im MSV-Forum nachgelesen werden kann.

Dabei sollten wir alle an einem Strang ziehen. Damit Fußball wieder Spaß macht.

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Der Artikel, aus dem ich zitiere, ist online leider nur in Auszügen zu lesen. Ich empfehle deswegen – ganz gegen meine sonstigen Gewohnheiten -, das Dezember-Heft der 11Freunde zu kaufen.

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